Meine erste Nacht im ROTEL war sehr fein: Ich habe gut und lang (7 Stunden) geschlafen. Nachts musste ich einmal raus – in der Abgeschiedenheit und ohne Umgebungslicht hat sich mir ein wunderbarer Sternenhimmel geboten. Sternzeichen waren kaum zu erkennen, denn die meisten sind hier eben nur auf der Südhalbkugel zu sehen, und so sind sie mir „Nordlicht“ unbekannt.

Zum Frühstuck gab es Brot, Wurst, Marmelade, Müsli, Tee, (löslichen) Kaffee, und weil es Sonntag ist, Kuchen – alles in allem sehr lecker und reichlich.

Wir fahren nun weiter in das Zentrum von Potosi. Die Stadt liegt auf 4065 m Höhe und gilt somit als höchstgelegene Großstadt der Welt. In dem „Hausberg“ von Potosi wurde bereits von den Inkas Silber gefördert. Auch die Spanier beuteten den Berg weiter aus, so dass Potosi zu einer sehr wohlhabenden Stadt wurde. Heute ist Silber in dem Berg kaum noch vorhanden, nun konzentriert sich der Abbau auf Zinn.

Zunächst machen wir einen kleinen Stadtrundgang und schauen uns dann die Moneda, die alte Münzprägeanstalt von Potosi, die im 16. Jahrhundert gegründet wurde, an. Das Wetter ist heute wieder herrlich und es ist sehr warm, so dass wir die alten kühlen Räume der Moneda zu schätzen wissen. Auch wenn die Ausstellung nicht allzu interessant war, die Architektur des Gebäudes war um so beeindruckender.

Zum Mittag gibt es in einem Restaurant von Potosi Spaghetti Bolognese mit einem Bier.

Nach dem Mittag sind Klaus, Friedrich und ich dann zu der Besichtigung der alten Minenstollen aufgebrochen. Wir werden von einem kleinen Bolivianer in Empfang genommen und fahren zunächst in einem alten schrummeligen Kleinbus zum Büro der Agentur, wo wir eingekleidet werden und eine Gummihose, Jacke, Helm und Grubenlampe bekommen. Unsere Rucksäcke müssen wir hier lassen – ich hoffe, dass ich alles, was ich hier abgebe, auch hinterher heil und komplett wiederbekomme? Es besteht aber keine Gefahr, es ist nichts geklaut worden. Weiter geht es nur mit einem Stoffbeutel, in dem wir unsere Kameras transportieren. Wir drei sind mit zwei Mädchen aus den USA und aus Schweden zusammen unterwegs, die ebenfalls diese Besichtigung gebucht haben. Nun, was wird uns nun erwarten? Weiter geht es zu einem Laden, in dem man Minenausstattung kaufen kann – von Kleidung über Werkzeug bis zu Dynamit ist alles vertreten.
Der Guide meinte, wir sollen Getränke für die Minenarbeiter kaufen, außerdem evtl. eine Stange Dynamit. Nun, wir denken zu diesem Zeitpunkt noch, dass das nur Geschäftemacherei und Touri-Ausbeute ist. Mal sehen, wie es weitergeht. Nachdem wir nun also – eher ein wenig widerwillig – eine Stange Dynamit und eine 2-Liter-Flasche Cola gekauft haben, fahren wir weiter zu der Verarbeitungsanlage, in der das aus den Minen transportierte Erz gereinigt und das Zinn herausgewaschen wird. In der alten Baracke, in der die Geräte stehen, spielen Sicherheitsvorschriften keine Rolle: Die Chemikalien liegen hier offen rum, überall leckt und tropft es, die Reste werden augenscheinlich direkt nach draußen und in den Fluss gespült – erschreckend. Und mittendrin Arbeiter, die nur in kurzen Hosen und Shirts hier arbeiten. Handschuhe, Schutzbrillen oder ähnliches? Fehlanzeige.

Nächstes Ziel ist dann der Eingang zur Mine. Unser Guide schließt unsere Grubenlampen an, und wir gehen vorbei an völlig heruntergekommenen Minengebäuden in den Eingang. Schnell wird es eng und warm und miefig; Frischluftzufuhr gibt es hier nicht. Über uns laufen Drähte, Kabel und Druckluftschläuche bunt durcheinander an der Decke entlang, ein Teil der Stollen ist gemauert, ein anderer durch Holzplanken abgestützt, und unter uns laufen zwei Schienen in das Innere des Berges. Schnell wird es extrem warm, erst recht in unseren Klamotten, und wir keuchen und japsen wie verrückt, denn die Höhe von über 4200 m macht uns zusätzlich zu schaffen.
Wir kommen zu einem Hohlraum, in dem wir kurz pausieren und Luft schnappen können. Nach einiger Zeit meint unser Guide, dass es nun weitergeht, aber wir durch einen 15 m langen Tunnel auf dem Bauch krabbeln müssen. Friedrich und mir ist nicht ganz wohl bei dem Gedanken – Friedrich ist etwas füllig, und genau so groß wie ich, und ich hab auch etwas bedenken, mit den ganzen Klamotten durch so einen Gang zu krabbeln, erst recht bei der Hitze hier drinnen.

Als wir beide an der Stelle angekommen sind, entschließen wir uns auch kurzerhand, in der großen Höhle auf den Rest der Truppe zu warten. Die Zeit wurde recht lang, die anderen 4 waren ca. eine Stunde unterwegs, und was Klaus erzählte, war erschreckend und erstaunlich.

Die Gruppe ist bis zu den Minenarbeitern weitergegangen, die dort bei der Bullenhitze arbeiten; wieder ohne Schutz außer dem Helm, und mit einfachsten Werkzeugen, einem Presslufthammer und eben Dynamit. Als Klaus denen das Getränk reichte, waren sie überglücklich, und haben einen Moment Pause gemacht. Die Arbeiter dort fangen schon, obwohl Kinderarbeit in Bolivien verboten ist, mit 12 oder 14 Jahren an, in den Minen zu arbeiten, und mit 35 oder 40 Jahren sind sie dann krank, haben kaputte Knochen, Staublunge, entzündete Augen und können nicht mehr arbeiten. Frischluft gibt es dort unten kaum; wird welche benötigt, wird einfach ein kleines Loch in den Druckluftschlauch gepiekst, aus dem dann etwas Luft herauszischt, aber eine richtige Be- und Entlüftung gibt es nicht.
Die Arbeiter arbeiten einerseits aus Tradition in den Minen, da schon die Generationen zuvor in den Minen schufteten, andererseits aber natürlich auch, um das Einkommen der Familie zu verbessern, und immer in der Hoffnung, DEN Überraschungsfund zu landen, was aber bei diesem Berg, der seit 500 Jahren ausgebeutet wurde, eher fragwürdig ist. Der Schacht, den wir besucht haben, wird noch von den Minenarbeitern genutzt; es ist kein Musterschacht, oder ein Nachbau, sondern hier war das wahre Minenarbeiterleben zu sehen – erschreckend. Wenn ich nun in den Nachrichten von einem Minenunglück mit zig Toten in einem armen Land höre, habe ich immer das Bild von dem Stollen, den wir dort besucht haben, vor Augen.

Über uns befinden sich, während wir im Berg sind, ca. 300 bis 400 m Gestein, und wir befinden uns auf ca. 4300 m Höhe. Der Berg selbst ist an seiner höchsten Stelle ca. 4800 m hoch. Zurück aus dem Berg, können wir noch mit der brennenden Lunte des von uns gekauften Sprengstoffs posieren, und zum Schluss nimmt unser Guide den Sprengstoff, wickelt ihn um einen Stoff-Frosch und lässt ihn explodieren.

Diese Minenbesichtigung ist wirklich nur Leuten zu empfehlen, die keine Raumangst haben, und sich auch vor engen unwegsamen warmen und sicherlich nicht 100%ig sicheren Räumen fürchten. Meine Hochachtung vor Hans, der in seinem Alter jede Strapaze mitmacht und trotz Herzinfarkt, den er in der Vergangenheit hatte, sich nicht schont und zurücknimmt.

Da die Führung beendet wurde, als der Bus schon wieder aus Potosi abgefahren ist, werden wir mit dem Taxi zu unserem Campingplatz am Thermalbad gefahren, und kommen pünktlich zum Abendessen dort an – perfekt! Es erwarten uns leckere Spaghetti Bolognese (die besser schmeckten als die, die es Mittags gab), und ein Salat – oberlecker!

Abends sitzen wir dann noch mit einem Teil der Gruppe vor dem ROTEL und plaudern – sehr angenehm und lustig.

Tag 12, 12. April 2010, Montag: Ankunft in Sucre