Route Tag 17

Dennoch heißt es um 7 Uhr aufstehen, und wie immer gibt es Frühstück eine Stunde später, und wieder eine Stunde später ist Abfahrt.

Die Göttin der Erde heißt Pacha Mama und wird von den Andenvölkern verehrt. Sie hat die Eigenschaften einer Mutter: Sie schützt und ernährt die Völker und schenkt Ihnen das Leben. Es gibt viele Statuen und Abbildungen der Pacha Mama, diese sind aber nur für die Touristen gemacht, denn ursprünglich wurde die Göttin nicht durch Abbildungen dargestellt oder verehrt.

Die Fahrt nach San Salvador de Jujui führt durch die wirklich farbenprächtige Quebrada de Humahuaca mit den durch verschiedene Erzablagerungen bunten Felsen und Berghängen.

So langsam merkt man die gruppeninternen Konflikte: da schnarrt Heinrich heute Jens an, weil der angeblich immer das Toilettenpapier in die Toilette, aber nicht in den dafür vorgesehenen Papiereimer wirft. Jan meckert dafür die Gruppe an, dass wir erstmal bei der Ankunft am Übernachtungsplatz den Anhänger aufbauen sollen und uns nicht um die eigenen privaten Dinge kümmern sollen; dabei ist er selbst derjenige, der beim Anhängeraufbau nur selten gesehen wird. Überhaupt mutiert Jan so langsam zum „Klassensprecher“ und plustert sich immer mehr auf – vor der Abfahrt geht er demonstrativ um den Anhänger und kontrolliert alle Fenster, außerdem fragt er jeden persönlich, ob jeder seine für den Tag erforderlichen Dinge bei sich hat. Und das, obwohl er ab mittags meist die Lampe an hat und sein Pegel sich wieder auf einem unerträglichen Maß bewegt. Lustig ist, dass die beiden Brüder felsenfest behaupten, nur im Urlaub so kampfzutrinken. Zu hause wären sie ganz brav und würden allerhöchstens mal dann und wann ein Bier trinken. Wenn ich sehe, was die beiden hier für einen Durchsatz haben, kann ich es nicht glauben, und auch der Rest der Gruppe denkt hier eher an Profi-Trinker.

Wir überschreiten heute den Wendekreis des Steinbocks. Neben der Straße ist eine kleine Säule mit einem Hinweis angebracht, und wir machen einen kleinen Fotostopp. Damit haben wir die Tropen verlassen und befinden und nun im Bereich der Subtropen.

Während der 3 Stunden dauernden Fahrt durch die Schlucht fahren wir von 2500 m kommend auf 1300 m hinab, was man im Laufe der Fahrt an der Vegetation und an den Temperaturen merkt.

San Salvador ist eine kleine nette Stadt mit ca. 230.000 Einwohnern. Die Stadt wurde im Jahr 1565 von den Spaniern gegründet, jedoch von den Indianern zerstört und 1593 erneut errichtet. An der Plaza Belgrano liegt eine sehr schöne Kirche, die wir besichtigen. Anschließend haben wir von 13 Uhr bis 16 Uhr ca. drei Stunden Zeit, bevor wir weiterfahren. Rita schlägt uns vor, durch die Fußgängerzone zu bummeln und einkaufen zu gehen, aber die Geschäfte schließen zwischen 13.15 und 13.30 Uhr zur Siesta und öffnen erst gegen 17 Uhr wieder, wir haben also nichts von den Läden der Stadt. Nur ein Supermarkt ist geöffnet, in dem ich mir ein paar Knabbereien kaufe, außerdem gehe ich in ein Einkaufszentrum, dessen Läden zwar auch alle geschlossen sind, das aber wunderbar saubere und funktionierende Toiletten besitzt — ein Traum!

Weiter geht die Fahrt nach Salta, wo wir auf einem riesigen Campingplatz übernachten, der sogar ein großes (aber leider wasserloses) Schwimmbecken besitzt. Salta liegt auf 1187 m Höhe, wir haben während dieses Tages also ungefähr 1700 Höhenmeter „verloren“. Auf dem Weg nach Salta begegnen uns zwei Gauchos, die sich gegen eine kleine Spende in Frm einer Dose Bier und einer Zigarette gerne von uns fotografieren lassen.

Gauchos

Zwei waschechte Gauchos

Zunächst besuchen wir das Archäologische Museum von Salta, ein relativ kleines Museum mit einer Ausstellung über die Geschichte der Umgebung. Anschließend fahren wir dann zu unserem Campingplatz, der am Stadtrand liegt. Er ist recht groß, und besitzt sogar einen großen Swimmingpool, dieser ist aber schon leer und winterfest gemacht, so dass nichts mit baden ist. Die sanitären Anlagen sind aber recht ordentlich, und wir haben hier sogar die Möglichkeit, Wäsche von einem Waschservice waschen zu lassen, was ich aber nicht in Anspruch nehme.
Der Campingplatz ist relativ leer, nur ein paar Campingbusse stehen hier noch verstreut auf dem Platz herum, aber neben dem Campingplatz liegt eine Disko, in der heute, am Freitag Abend, der Bär los ist. Zum Ende der Disko hin fahren dann die Jugendlichen mit ihren aufgemotzten lauten Autos wieder nach Hause, und so ist trotz Ohropax kaum an schlafen zu denken. Die Wärme tut ihr übriges, und so verbringe ich eine über weite Teile schlaflose Nacht mit lesen und Tagebuch schreiben.

In Peru und Bolivien habe ich fast nur Motorräder (mir) unbekannter Herkunft (wie z.B. „Motomel“ oder „Mondial“) gesehen, und die Autos waren meist uralt, klapperig, und sind als Gebrauchtwagen aus dem Ausland importiert worden. Hier gibt es nun auch Autos, die in Mitteleuropa bekannt sind, wie VW, Chrysler usw., sowie Motorräder von Kawasaki, die auch neueren Baujahres sind.

Auch wenn man merkt, dass wir nun schon 17 Tage auf engstem Raum zusammenhocken, und dass es dadurch die eine oder andere Kabbelei gibt, ist die Stimmung im Allgemeinen recht gut. Ich komme mit allen soweit zurecht und kann mit jedem plaudern, ohne dass es irgendwelche Animositäten gibt. Wir haben zwar ein paar Unikate, wie Paul, Jan und Willi in unserer Gruppe, aber keine echten „Querköppe“, die allzu anstrengend sind.
Das Abendessen ist heute so lala: Es gibt Gemüsesuppe mit Wiener Würstchen und zum Nachtisch Dosen-Pfirsiche.

Der Abend ist (bis die Disko in der Nacht beginnt) recht lauschig, so dass wir noch bis nach 22 Uhr vor dem Bus sitzen und plaudern.

Im großen und ganzen gefällt mir das ROTEL-Leben ganz gut. Die Mitreisenden sind nett und aufgeschlossen, Rita, unsere Reiseleiterin und Markus, unser Fahrer sind sympathisch, hilfsbereit und nie um eine Antwort verlegen, wenn man eine Frage hat. Die Infos zu Land und Leuten werden genau im richtigen Maß gegeben, und das Schlafen in der Kabine geht trotz der Enge sehr gut. Auch das Essen ist trotz der einfach eingerichteten Küche prima, und es gibt immer genug, so dass auch immer bei Bedarf ein Nachschlag möglich ist.
Auch das Programm wird sinnvoll angepasst, wenn nötig, so bleiben wir in Salta zwei Nächte, und können uns die Stadt in aller Ruhe ansehen, obwohl laut Reiseverlauf nur eine Nacht vorgesehen war. Da wir aber völlig ohne Probleme durch den Altiplano gekommen sind, und weder Demonstrationen, noch Straßensperren, Regenfälle oder Überschwemmungen oder Erdrutsche uns das Leben schwer gemacht haben, haben wir viel Zeit „erfahren“ können, die uns nun zur Verfügung steht. Außerdem wird auf dem Stück zwischen Sucre und der Grenze nach Argentinien eine neue Asphaltstraße neben der Schotterpiste gebaut, die zwar noch nicht komplett fertiggestellt ist, aber von der wir einige Teilstücke nutzen konnten. Parallel zu der neuen Asphaltstrecke wurden jetzt schon auf weiten Teilen Behelfsstraßen für den Bauverkehr gebaut, die zwar auch nur aus Schotterpisten bestehen und eher schlechten Zustand haben, aber dennoch viel weniger Kurven als die ursprüngliche Route besitzen. Wenn die Asphaltstraße in kürze fertig ist, wird diese Strecke, für die 3 Tage veranschlagt sind, sicher gut in einem Tag zu schaffen sein.

Zwar warnt Rita in jeder Stadt wieder, dass die Bevölkerung arm ist und einen Touristen generell als reich und somit als potentiell bestehlenswert ansieht, aber die Städte machen mir gegenüber eigentlich nie den Eindruck, dass sie gefährlicher sind, als jede andere Großstadt auch.

Würde ich eine ROTEL-Reise erneut buchen? Ja, ich denke schon. Zwar ist diese Reise eine sehr entspannte ROTEL-Reise, da wir nur 22 Leute sind und nicht, wie vorgesehen, maximal 34 Personen, außerdem haben wir immer wieder eine Hotelübernachtung, so dass wir nur insgesamt 15 Nächte im ROTEL schlafen; darüber hinaus ist die Gruppe recht homogen und das Wetter hundertprozentig auf unserer Seite. Bei vollbesetztem Bus oder Regenwetter wäre die Stimmung sicher angespannter und die Reise erheblich stressiger, aber dennoch ist das ROTEL-Leben ganz angenehm, und man sieht während der Fahrten mit dem Bus unheimlich viel von Land und Leuten und ist oft abseits jeglicher Touristenpfade unterwegs, was die durchfahrenen Länder noch authentischer macht – jedenfalls so authentisch, wie man sie eben als Mitteleuropäer ohne große Sprachkenntnisse und in einem knallroten Bus reisend erleben kann. Die nächste Frage, die mir oft gestellt wurde, ist die nach der nächsten Reiseroute, die ich buchen würde. Da würde ich drei oder vier Reisen bevorzugen: von Mexico Stadt nach Panama, oder von Nord- nach Südindien, oder Ostafrika mit Sansibar, eventuell noch einmal quer durch Alaska. Aber das ist noch Zukunftsmusik und wird auf Grund leerer Urlaubskassen nicht vor 2012 der Fall sein.

Wir erfahren heute, dass in Island ein Vulkan ausgebrochen ist, und der Flugverkehr in Europa eingestellt wurde, und malen und schon aus, dass wir in Südamerika festsitzen und noch ein paar Tage in Rio de Janeiro verlängern „müssen“. Mal sehen, wie es sich weiterentwickelt…

Bevor die Läden in San Salvador de Jujuy zur Siesta schlossen, war ich noch in ein paar Schuhläden auf der Suche nach Turnschuhen. In Bolivien und Peru gab es ja nur Schuhe bis Größe 44. Hier gibt es nun auch welche in meiner Größe, dafür aber auch zu nahezu europäischen Preisen, so dass sich der Kauf hier fast nicht lohnt. Generell merkt man, dass Argentinien wesentlich reicher ist als Bolivien. Alle Straßen sind asphaltiert und gut in Schuss, und es gibt überall Hinweisschilder, Leitplanken, Entfernungstafeln usw. – alles Dinge, die auf den Straßen von Bolivien kaum zu finden waren. Außerdem haben die Städte wieder einen (funktionierenden) ÖPNV; auch das in Bolivien eine Seltenheit.

Der Bus gleicht weiterhin einem fahrbaren Lazarett: Karl hat immer noch Wasser im Bein, Beate hat ein gezerrtes Knie, und mindestens der halbe Bus schnäuzt und prustet; mich eingeschlossen.

Tag 18, 18. April 2010, Sonntag: Salta „La Linda“