Wie immer werden wir um 7 Uhr geweckt, um 8 gibt’s Frühstück, und um 9 Uhr fahren wir weiter und verlassen Cafayate.

Auch heute wird der Tag wieder sonnig, denn es ist schon morgens klar und warm. Mal sehen, ob das Wetter während der Fahrt so bleibt.
Heute sind Paul und Jan auffällig unauffällig und „handzahm“. Dass es daran liegt, dass die beiden gestern von Rita „ins Gebet“ genommen wurden, ist natürlich reine Spekulation.

Die Ruinen von Quilmes liegen an den Hängen eines weitläufigen Tals und dienten den präkolumbianischen Indianern als Festung, in der sie auch den Spaniern mehr als 100 Jahre Widerstand leisten konnten, bis sie schlussendlich besiegt wurden. Die Ruinen liegen in einer Höhe von ca. 1800 m.

Neben New York war Buenos Aires eine der Hochburgen der Juden nach dem Holocaust. Daher sind in Argentinien, wie auch hier in Quilmes, sehr viele Touristen aus Israel anzutreffen.

Die Kakteen, die wir hier im Überfluss sehen, kommen auf dem gesamten Amerikanischen Kontinent von Kanada bis Patagonien vor, mit dem Schwerpunkt zwischen dem nördlichen und dem südlichen Wendekreis.
Die Familie der Kakteen ist mehrere Millionen Jahre alt, und als große Gemeinsamkeit aller Arten von Kakteen benötigen sie nur wenig und unregelmäßig Wasser. Die in Europa befindlichen Kakteen sind vom Menschen dort angesiedelt und kamen ursprünglich dort nicht vor.

Immer wieder ist das ROTEL im Mittelpunkt des Interesses, und dem Bus wird hinterhergeschaut und zugewunken, oder er wird fotografiert. So auch heute, als ein hinter uns fahrendes Auto uns nicht überholen konnte, sondern die Serpentinen, die wir hinunterfuhren, nutzte, um unseren Bus zu fotografieren.

Beates Lieblingsspruch: „Ja, des is der Wahnsinn!“

Jens‘ Lieblingsspruch: „Guck Dich dat an!“

Heute geht es nochmal auf 3042 m Höhe, bevor wir wieder hinab nach Tucuman fahren. Auf der Anhöhe sehen wir zwei Lamas, die für ein kleines Trinkgeld zum Streicheln angebunden wurden, und einen Condor, der im Tal beginnend langsam die Thermik ausnutzt und seine Kreise drehend immer weiter in die Höhe steigt, bis er über uns und die Anhöhe hinweg fliegt und auf der anderen Seite verschwindet.

Die Mittagspause machen wir in Tafi de Valle. Tafi de Valle ist die Hauptstadt des gleichnamigen Departements, hat ca. 4300 Einwohner und befindet sich auf ca. 2000 m Höhe. Die Bewohner von Tucuman, welches ca. 125 km von Tafi de Valle entfernt ist, haben sich hier sehr schöne und oft üppige Wochenendhäuser gebaut, in denen sie ihre freien Tage verbringen. Insofern könnte man Tafi de Valle als Naherholungsort von Tucuman bezeichnen. In der Tat sieht man viele saubere und gepflegte Villen und Gärten, alles ist grün und bewässert und macht einen fast sterilen Eindruck.
Ich esse dort ein Milanesa: hauchdünnes paniertes Rinderschnitzel, natürlich wie fast immer, mit Pommes.

Nachdem wir Tafi de Valle verlassen, kommt die Abfahrt nach Tucuman, und wir winden uns in engen Serpentinen in das Tal hinab.

Die Vegetation ändert sich auf einen Schlag: um uns herum herrscht nun ein regenwaldähnlicher Galerie-Wald mit Farnen, Epiphythen, Lianen usw., und das nur wenige Kilometer von den steppenähnlichen Gegenden entfernt. Auch Rizinus wächst hier, die Pflanze, aus der das gleichnamige Öl gewonnen wird.

Noch beim gefühlt 4387. Souvenirstand sind Dagmar und Erika am Suchen – und finden sogar immer wieder etwas, was sich zu kaufen lohnt. Und bei jedem Souvenirstand reicht die Zeit nicht aus, alles zu besehen, und die beiden kommen zu spät zum Bus… Bei einem Fotostopp heute sagen Rita und Markus, dass es nach 10 Minuten weitergeht — und genau nach 10 Minuten fahren sie dann auch ab: Der Bus ist mit nur 4 Personen, Gerda, Thorsten, Hubert und mir, belegt. Alle anderen schauen etwas dumm aus der Wäsche, als der Bus plötzlich losfährt. Aber natürlich haben wir die anderen aus der Gruppe nicht zurückgelassen, denn schon nach wenigen hundert Metern hält Markus wieder und lässt die Zurückgebliebenen einsteigen. Ob das ein wirksamer Schock war? Ich bezweifele es…

Wir fahren an den riesigen Zuckerrohrplantagen der Region Tucuman vorbei. Ca. 15 – 20.000 Stecklinge werden pro Hektar gesetzt, und die erste Ernte erfolgt dann ca. 9 bis 24 Monate nach dem ersten Setzen, je nach Reifegrad und Zuckergehalt. Nach weiteren 12 Monaten erfolgt dann die nächste Ernte. Bis zu 8 mal kann Zuckerrohr geerntet werden, bevor die Pflanzen verbraucht sind.

Zuckerrohr, so weit das Auge reicht

Plötzlich werden wir auf der Autobahn angehalten: Verkehrskontrolle. Zunächst steigt Rita aus und redet mit dem Polizisten, aber der zeigt immer wieder auf die Halterung unseres Anhängers. Plötzlich kommt Markus hinzu, und es wird weiter diskutiert; Rita holt plötzlich irgendwelche Papiere aus dem Führerhaus, die sie dem Polizisten zeigt, und nach ca. 30 Minuten können wir dann weiterfahren. Rita erzählt uns später, dass der Polizist behauptete, dass es in Argentinien erforderlich ist, dass Hänger und Zugfahrzeug zur Sicherheit mit einer Sicherungskette verbunden sein müssen.
Markus versuchte erfolglos, den Polizisten davon zu überzeugen, dass so eine Kette niemals den schweren Anhänger halten könnte und deshalb keinen Sinn macht, und Rita zeigte ihm die Fahrgenehmigungen, die sie für das Fahrzeug von den örtlichen Behörden bekommen hat. Erst der Hinweis von Rita, dass die sehr wichtige Wirtschaftsdelegation, die sie im Wagen sitzen hat, zu spät zu einem Treffen mit dem Gouverneur kommen würde, wenn wir jetzt nicht sofort weiterfahren würden, zeigt Wirkung, und wir dürfen unsere Fahrt tatsächlich fortsetzen…

Meist hilft in solchen Momenten, wie Rita meint, auch ein wenig Bakschisch, aber dieses Mal ging es ohne über die Bühne.

Neben der Straße, die nach Tucuman führt, ziehen sich alte Baracken, und die Familien, die in diesen Baracken wohnen, haben sich auf Autowäsche spezialisiert. Die Autos können hier von ihren Besitzern abgegeben werden, und werden direkt auf dem rechten Fahrstreifen der Straße geputzt. Dafür werden Bürsten, Wassereimer, teilweise Hochdruckgeräte verwendet, und für die Unterbodenwäsche wird das Auto dann auf alten schräg gestellten Paletten angehoben. Natürlich alles ohne Ablauf oder Ölabscheider oder was auch immer – das Wasser versickert einfach in der Kanalisation oder am Straßenrand im Boden. Markus gibt hier den Anhänger ab und lässt ihn einmal von außen von dem ganzen Straßenstaub befreien. Am Nachmittag können wir den Anhänger dann wieder abholen, und fahren nun weiter zu einem kleinen Zuckerrohrmuseum.

Der Campingplatz liegt heute in einem öffentlich zugänglichen Park im Zentrum von Tucuman, ohne Abgrenzung oder ähnlichem, so dass wir etwas besser als sonst auf unsere Wertsachen achtgeben sollen.

Heute Abend gibt es dann endlich die versprochenen Steaks und Würstchen, die Markus auf einem Grill zubereitet, dazu gibt es verschiedene Salate – Krautsalat, Gurkensalat, und grünen Salat. Das Steak ist butterzart, wie ich noch nie ein Steak gegessen habe, und ist von Markus a la minute zubereitet: Innen leicht rosa und geschmacklich Weltklasse. Auch heute war das Wetter den ganzen Tag wieder bombig: sehr warm, und abends ohne einen Lufthauch ca. 30 Grad, und mit wenigen Wolken am Himmel. Den ganzen Abend können wir ganz bequem in kurzen Hosen und Shirts am Tisch sitzen und bei einem Glas Rotwein gemütlich faulenzen. Thorsten und ich haben es uns zur Gewohnheit gemacht, jeweils eine Flasche einheimischen Rotwein zu trinken, momentan gibt es also argentinischen.

Irgendetwas scheine ich Margot getan zu haben, denn seit zwei Tagen geht sie mir aus dem Weg, spricht nicht mit mir und meidet mich so gut, wie sie kann. Werde sie bei Gelegenheit mal darauf ansprechen , was ich ihr getan haben könnte. Ich habe Gerda schon gefragt, aber sie wusste auch nicht mehr. Mal sehen.

Auffällig ist heute der Wechsel der Flora: innerhalb von wenigen Kilometern sind wir von den kargen Landschaften der Altiplano-Ausläufer in subtropische Gefilde gekommen. Es fällt außerdem auch auf, dass die Animositäten innerhalb der Gruppe langsam offener zutage treten – egal, ob es um den Shopping-Wahn von Dagmar, das Vordrängeln von Heinrich, Hannelore und Amir oder andere Eigenarten der Mitfahrer geht. Jan und Paul, unsere beiden Trinker, sind heute relativ ruhig. Anscheinend sind sie mal wieder von Rita und Markus zurechtgewiesen worden und halten sich deshalb – für ihre Verhältnisse – etwas zurück.

Geld holen schlägt heute in Tucuman erstmals fehl, denn ich soll bei jedem Automaten 10% Gebühren bezahlen, was ich nicht einsehe. Ich werde also Morgen an einem anderen Automaten versuchen, Geld zu bekommen.

Tag 21, 21. April 2010, Mittwoch: Santiago del Estero