Route Tag 6

Route Tag 6

Um 5.30 Uhr beginnt der neue Tag mit dem Wecken. Ich habe die Nacht schlecht geschlafen – obwohl der gestrige Tag recht anstrengend war und ich eigentlich kaputt ins Bett gefallen war.

Vor der Abfahrt sitzen wir alle aufgeregt wie die kleinen Kinder in der Lobby des Hotels, denn heute ist es soweit: Wir werden endlich unseren ROTEL-Bus sehen. Heute merken wir, wie viel Wert hier auf Umweltschutz gelegt wird, denn vor der Tür ist gerade „Rushhour“, und die Abgase der Autos ziehen durch die Lobby: Beißender Gestank macht sich breit. Um 7.30 Uhr geht es dann los und wir werden am Hotel mit unserem Minibus abgeholt. In wenigen Minuten fahren wir zu einem Parkplatz am Rande der Stadt, auf dem der rote ROTEL-Bus endlich steht. Den Schlafanhänger werden wir erst in Puno hinzubekommen, denn in Puno selbst werden wir noch im Hotel übernachten.

Ich sitze in Reihe 8, Platz 34. Der Platz neben mir ist frei, so dass ich mich ausbreiten kann. Ich habe den Rucksack neben mir stehen, die Kamera hängt an einem Haken am Sitz vor mir, und Tagebuch, Reiseführer, Verpflegung usw. sind auf die beiden Gepäcknetze in den Sitzen vor mir verteilt. Nachteil von meinem Platz ist, dass hier früher eine weitere Tür war, die nun aber verschlossen ist. Dadurch ist das Fenster ein wenig kleiner als das in den anderen Sitzreihen, und ich muss aufpassen, dass nichts in den Zwischenraum zwischen Fußboden und Tür fällt, denn dann liegt es im Treppenbereich und ich komme nur noch mit Hilfe von Markus an die Sachen ran (was natürlich prompt nach zwei Tagen mit meiner Sonnenbrille passiert). Rita hatte gestern Abend noch gesagt, dass die Plätze durch die Umbucher und zurückgetretenen Fahrgäste etwas ungleichmäßig verteilt sind; so sitzen einige sehr eng aufeinander, während eine ganze Sitzreihe nicht belegt ist. Sie sagte, dass es ihr egal ist, wie wir sitzen, solange es keinen Ärger gibt und wir uns selbst organisieren. Sollte es jedoch Ärger geben, wird sie drauf bestehen müssen, dass wir alle unseren gebuchten Plätze einnehmen. Bei ROTEL werden die Plätze nach Buchungseingang vergeben. Diejenigen, die also zuerst gebucht haben, bekommen die vordersten Plätze, Spätbucher sitzen weiter hinten.
Natürlich kommt es dennoch schon beim Besteigen des Busses zu kleinen organisatorischen Problemen, denn Hannelore und Heinrich schnappen sich gleich die erste Reihe hinter dem Einstieg, obwohl sie eigentlich Plätze in der letzten Reihe haben. Die Plätze, auf die sich die beiden nun gesetzt haben, gehören laut Plan Victor und Dagmar. Die beiden haben sich zunächst etwas aufgeregt, aber lassen die beiden dann doch lieber vorne sitzen, denn die Reihe vor der Ausgangstür hat einen großen Nachteil: Es gibt nur eine Ablagefläche vor den Sitzen, die aber keine Umrandung oder ähnliches hat, so dass bei jeder Bremsung oder enger gefahrenen Kurve der ganze Kram darauf ins Rutschen kommt; Außerdem haben sie keine Gepäcknetze und recht wenig Stauraum in den Fächern über den Sitzen.

Victor und Dagmar sitzen nun ein paar Stunden hinter mir, bis Dagmar sich eine Bank in der freien Sitzreihe sichert und nun dort sitzt. Die letzten freien Bänke gehen dann auch im „Windhundverfahren“ weg, und so beginnen wir unsere Fahrt Richtung Puno. Auf der letzten Bank auf der anderen Seite sitzt Klaus, und neben mir Gerda, vor mir sitzt Beate aus Wien. Generell ist der Bus aber recht leer, da er ja für 34 Personen ausgelegt ist und wir nur 22 Reisende sind.

Rita und Markus sitzen im Führerhaus. Der Bus hat eine Gegensprechanlage, mit der wir mit Rita kommunizieren können, und über die Rita während der Fahrt ihre Erläuterungen gibt.

Gegen 9.30 Uhr erreichen wir den Markt von Urcos. Das Obst in diesem Markt ist sehr nett angerichtet und sieht appetitlich aus, Fleisch und Käse werden aber offen gehandelt und sind oft von Fliegen umschwirrt, so dass dies für uns Mitteleuropäer ein etwas ungewöhnlicher und unhygienischer Anblick ist. Das Denkmal auf dem Marktplatz zeigt Tupac Amaru; ein Indigener, der mit einer Gruppe Männer gegen die Spanier kämpfte und quasi ein südamerikanischer Robin Hood war, indem er die Beute, die er bei den Spaniern errang, den Armen und Indigenen gab.

Auch die jüngere Geschichte Perus ist wechselhaft: Der „leuchtende Pfad“ („Sendero Luminoso“) wurde als linke Studentenbewegung in der Region, die wir gerade durchfahren, Ayacucho, Ende der 60er Jahre gegründet und verübte in den 80er und 90er Jahren in großen Teilen Perus terroristische Anschläge, die zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Peru führten. Diese dauerten etwa 10 Jahre an und kosteten mehreren zig Tausend Menschen das Leben. Obwohl die Anführer in den 90er Jahren festgenommen wurden und zum Teil bis heute inhaftiert sind und der Leuchtende Pfad faktisch zerschlagen ist, ist die Wirtschaft des Landes durch jahrelange Korruption und Terrorismus erheblich geschwächt.

Die Höhe von ca. 3600 m macht sich in der Gruppe bemerkbar: Kleine Anstiege oder Treppen führen sofort dazu, dass man außer Atem ist und sich wie ein alter Mann fühlt. In Lima wird Amir sogar eine Sauerstoff-Dosis brauchen, da er dort total aus der Puste ist, aber die Hotels sind auf die „Schwächen“ der Touristen eingestellt und haben Sauerstoffgeräte im Haus.

Nach einer kleinen Pause setzen wir unsere Fahrt fort. In der ganzen Umgebung sieht man oft ganze Berghänge hinauf die Terrassenfelder mit den Inka-Terrassen, die aber nach und nach verlandeten und nun nur noch durch den unterschiedlichen Bewuchs zu erkennen sind.

Mit dem Abra La Raya-Pass, der sich auf 4388 m Höhe befindet, kommen wir nun auf das Kerngebiet des Altiplano, eine riesige Hochebene in den Anden, die sich auf durchschnittlich ca. 3600 m Höhe befindet und über 170.000 Quadratkilometer erstreckt; eine Fläche, die etwa halb so groß wie Deutschland ist. Das Altiplano zeichnet sich durch eine sehr spärliche und trockene Vegetation aus, so gibt es kaum Bäume, sondern nur Büsche und Ichu-Gras. Landwirtschaft ist auf dem Altiplano daher sehr schwierig und mühselig, es gibt aber einige Bodenschätze, die hier abgebaut werden, auch wenn die Minen nicht mehr sehr ertragreich sind. Jedoch weiden auf den riesigen Flächen große Alpaka- und Lama-Herden, mit denen die Indigenen ihr Einkommen bestreiten. Die Menschen, die hier leben, sind sehr arm und besitzen oft weder Telefon noch Trinkwasserleitungen, und hatten früher auch wenig Gelegenheit, eine Schule zu besuchen. Die Schulbildung ist in den letzten Jahren aber sehr stark gefördert worden – sowohl durch die Landesregierungen von Peru und Bolivien, als auch durch Förderprogramme der UN und der EU, so dass die Analphabetisierungsrate deutlich gesunken ist.
Von hier oben bietet sich ein beeindruckender Blick auf die schneebedeckten Anden. Auf dem Abra La Raya-Pass ist ein kleiner Markt, auf dem die Indigenen ihre Produkte verkaufen: Kleidungsstücke aus Alpaca und Lama-Wolle, Souvenirs, Decken usw. Ich kaufe mir hier einen Schal aus Alpaca-Wolle für 15 Soles.

Neben der Bahnstrecke, die hier ebenfalls über den Pass führt, ist eine kleine Kapelle, die von außen einen verwahrlosten Eindruck macht. Auch wenn die Kapelle innen sehr düster und muffig ist, ist der Altar aber noch gut erhalten und noch mit Blumenschmuck von den Osterfeierlichkeiten dekoriert.

Auffällig ist auch, dass insbesondere die Inka-Frauen sich sehr oft richtiggehend „herausgeputzt“ haben und oft schneeweiße Zylinder, den „Bola“, tragen.

Am Nachmittag machen wir eine kleine Mittagspause in Pucara, einem Fernfahrerdorf mitten auf der weiten Fläche des Altiplano. Das Rathaus sieht aus, wie in den siebzigern in einem sozialistischen Land erbaut, und ist auch entsprechend heruntergekommen, und auch die Kirche, die gegenüber vom Rathaus auf der anderen Seite des Marktplatzes steht, hat schon bessere Zeiten gesehen. Leider ist sie geschlossen, und ich schlendere langsam wieder über den Platz in Richtung Bus, da höre ich, wie die Pforte der Kirche sich langsam öffnet: Der Küster kommt heraus, und lässt uns nach ein paar Worten kurz in die Kirche schauen. Von innen ist die Kirche dunkel und trostlos, und die einstmals weiße Decke ist grau und macht einen vergammelten und heruntergekommenen Eindruck, aber der Altar ist wieder wunderschön anzusehen.

Noch bevor wir den Titicacasee erreichen, fahren wir durch Juliaca, einer Stadt mit ca. 220.000 Einwohnern. In der Stadt, die ansonsten nicht gerade die schönste Stadt Perus ist, befindet sich links und rechts der Straße ein riesiger Markt, auf dem man von Lebensmitteln über Fahrzeugen, LKWs voll Ziegeln, Maschinen, Rasenmähern, Kopiergeräten und Motorrädern alles kaufen kann.

Markt in Juliaca

Markt in Juliaca

Kurz hinter Juliaca und kurz vor dem Titicacasee biegen wir dann nach links ab und fahren in Richtung des Laguna Umayo. Am Ufer dieses Sees stehen auf einer Halbinsel die Grabtürme von Sillustani, in denen die Kolla ihre Toten begruben. Nach der Eroberung durch die Inka wurden die Bestattungsrituale übernommen und die Toten wurden weiterhin in diesen Türmen begraben. In den Türmen befinden sich kleine Hohlräume, in die die Toten eingemauert wurden. Leider sind keine Grabstätten im Originalzustand erhalten geblieben, sondern im Laufe der Zeit wurden alle Grabtürme geplündert und ausgeraubt.

Dieser Ort macht einen sehr mystischen Eindruck; insbesondere der Blick über den See mit der kleinen Insel und die dunklen Gewitterwolken, die über dem Horizont auftauchen, sind beeindruckend. Rita bittet uns, uns hinzusetzen und zwei Minuten total still zu sein und einfach nur die Stimmung auf uns wirken zu lassen, und in der Tat war es ein sehr schöner, ruhiger und entspannter Moment.

Die Laguna Umayo

Die Laguna Umayo

Am Rande des Gräberfeldes steht ein großer Fels, dem man nachsagt, dass man, wenn man ihn mit beiden Händen anfasst, Glück haben soll. Nun, jedenfalls hat er mir bisher kein Pech gebracht…

Auf dem Weg zurück zur Landstraße nach Puno machen wir in Atuncalla halt und besuchen eine Indigenen-Familie in ihrem Heim. Die Familie lebt in ärmlichsten Verhältnissen;

Wunderstein

Der Stein, der Glück bringen soll

sie besitzt zwar Strom und einen Fernseher, aber kocht dennoch über offenem Feuer. Es gibt zwei Kühe, ein Schwein und ein paar Hühner, aber der Boden wird mit einfachsten Werkzeugen bewirtschaftet. Ich kaufe bei der Familie zwei Stiere aus Steingut, die in der ganzen Region auf den Dächern der Häuser und über den Eingängen angebracht sind und ebenfalls das Unglück fernhalten sollen. Die Kinder freuen sich über den Besuch, der natürlich auch mit ein paar Süßigkeiten kommt, und sie verkaufen uns alte Münzen, die schon lange nicht mehr gültig sind, um sich ihr Taschengeld oder das Einkommen der Familie zu verbessern.

Als wir in Puno ankommen, ist es schon dunkel, und wir beziehen schnell unser Zimmer, bevor es zum Abendessen geht. Das Hotel ist kein Vergleich zu den vorherigen Hotels. Das Zimmer ist etwas schäbig und heruntergekommen, und das Badezimmer ist ebenfalls etwas gammelig und kaputt. Zum Abendessen gibt es Dosen-Spargelcremesuppe, dann ganz lecker schmeckende Forelle mit Kartoffeln und Gemüse und zum Nachtisch Pudding.

Für morgen kündigt uns Rita ein kulinarisches Highlight an: Wer will, kann mittags Meerschweinchen essen. Wer kann dazu schon nein sagen…

Tag 7, 7. April 2010, Mittwoch: Die schwimmenden Inseln der Uros, Meerschweinchen und ein Kondor