Route Tag 6

Der heutige Tag begann für uns etwas zu früh, denn obwohl mein Handy ausgeschaltet war, begann es um 3 Uhr nachts wie verrückt zu klingeln: Der Geburtstagsalarm! Thorsten ist gleich wie ferngesteuert hoch und ins Bad zum Duschen, ohne zu fragen, wie späte es überhaupt ist – erst, als er im Zimmer Licht machen will, und ich ihm sage, dass es erst 3.30 Uhr ist, merkt er den Irrtum und legt sich wieder für ein paar Stunden hin, bis wir dann – nicht wesentlich später, wie ich finde, um 5 Uhr regulär geweckt werden. Jedenfalls kostet mich diese Wecker-Attacke ein Bier…

Frühstück gibt es um 6 Uhr, und um 7 Uhr ist die Abfahrt – nun endlich komplett, denn Markus hat den Anhänger aus dem Depot geholt, und so erwartet uns nun unser 23 m langes Vehikel.

Puno Abfahrt

Abfahrt in Puno: Erstmals mit Anhänger

Beate war gestern schon nicht beim Abendessen und ist heute total krank – sie sieht sehr schlecht aus, und macht den Eindruck, als müsste sie sich jeden Moment übergeben. Die Vermutungen über die Ursache kursieren – von einer einfachen Magenverstimmung über die Rache ihres Meerschweinchens bis zu einem Infekt schießen die Spekulationen ins Kraut – aber eine gut unterrichtete Quelle will wissen, das Renate wohl nur am gestrigen Abend dem Alkohol etwas zu sehr gefrönt hat und heute ihren Kater auskurieren muss.

Jens: Ein echter Rheinländer aus Mönchengladbach, mit seinem typischen rheinischen Dialekt (Ich sach dich dat!). Immer lustig, immer einen Spruch auf den Lippen. Um die 60 Jahre, ehemaliger Bauer mit eigenem Bauernhof, und ein echter Naturbursche.

Joachim: Österreicher, recht ruhig und unauffällig, oft mit Peter zusammen unterwegs. Ebenfalls immer nett und freundlich, redet aber ununterbrochen von seinen Krankheiten, Allergien, Operationen, Arztbesuchen usw. – und wenn er seine Krankheiten durch hat, erzählt er von denen seiner Verwandten und Bekannten.

Jan und Paul: Zwei Brüder aus Bayern, tiefsten Dialekt sprechend (bzw. bei zunehmendem Alkoholpegel nuschelnd). Was man essen kann, kann man auch (als Bier oder Wein) trinken. Ziemlich strange, ziemlich Ballermann-Touri-mäßig, und manchmal durch die Sauferei etwas anstrengend. Armin wird von Rita zum Ansprechpartner der Gruppe bestimmt, und er plustert sich ein wenig damit auf. Zum Ende der Reise hin werden die beiden zunehmend unerträglicher.

Ein Arzt bekommt hier in Peru übrigens umgerechnet ca. 500 US-$ im Monat, ein Lehrer ca. 250 US-$.

Nach einem kurzen Fotostopp oberhalb des Titicacasees auf der einen und interessanten geologischen Formationen auf der anderen Seite der Straße, gelangen wir noch am frühen Morgen nach Juli. Die Stadt Juli am Titicacasee steht zwar im Reiseprogramm, aber die Innenstadt ist leider für so große Fahrzeuge wie unseres gesperrt, und so machen wir nur einen kleinen Stopp auf einem Parkplatz oberhalb der Stadt. Die Stadt war Ausgangspunkt der Jesuiten für ihre Missionarsarbeit und besitzt mehrere Kirchen und Kathedralen.

So langsam nähern wir uns der Grenze nach Bolivien, und es stellt sich die Frage, wie viel Geld wir tauschen müssen. In Peru konnte man fast alles in US-$ bezahlen, in Bolivien wird das nur noch in La Paz gehen, danach werden wir mit Bolivianos zahlen müssen.

Plötzlich hält unser Fahrer Markus an: Auf einem großen ummauerten Platz in Zepita findet gerade zufällig eine Feria, ein großer Markt, statt, auf dem alles verkauft wird, was nicht niet- und nagelfest ist: Insbesondere Viehzeug, aber auch Maschinen, Matratzen, und andere Dinge für den täglichen Bedarf. Es gibt natürlich mehrere Garküchen, und viele fliegende Händler, die etwas verkaufen wollen. Ferias sind aber nicht nur ein Markt, sondern auch gesellschaftliche Ereignisse, zu denen man sich einfach so zum klönen und zur Unterhaltung trifft.

Wir sehen, wie die hier gekauften Schafe nach Hause transportiert werden: Die ganze Familie ist mit einem Minibus hier angekommen, und die Schafe werden nun, an den Beinen gefesselt, auf das Dach oder in den Kofferraum der Minibusse verladen und mit einem Netz fixiert – und so geht es dann über die holperige Landstraße wieder nach Hause. In Deutschland undenkbar…
Ein Schaf kostet hier so um die 130 Sol, ein Stier bekommt man für 800 bis 1500 Sol zu kaufen.

Direkt nach der Feria, in Zepita selbst, sehen wir wieder ein sehr schönes Kirchenportal und einen über die Straße gebauten Bogen, auf dessen Spitze ein Inkakönig wacht.

Wir kommen nun bei Desaguadero an die Grenze nach Bolivien. Für die Reisegruppe klappen die Grenzformalitäten reibungslos, nur für den Bus brauchen wir ca. 1 Stunde, bis alle Papiere gecheckt sind und wir unsere Fahrt fortsetzen können. Ich tausche 20 US-$ ein und erhalte dafür 140 Bolivianos. Um die Grenzstation herum tobt das Leben: Es gibt wieder viele Garküchen, fliegende Händler, Geldtauscher und viel „kleinen Grenzverkehr“ der Anwohner, die hier zu Fuß, mit Rädern und mit kleinen TucTucs über die Grenze fahren. Der Weg von der Grenzstadt zur nächsten Landstraße ist eine alte holperige Schotterpiste — und das soll einer der wichtigsten Grenzpunkte zwischen Peru und Bolivien sein??

10 km nach der Grenze kommen wir an den nächsten Kontrollpunkt, und wieder müssen alle aus dem Bus aussteigen und den Pass vorzeigen. Obwohl Bolivien das ärmste Land Südamerikas ist, leistet es sich einen riesigen Militärapparat, um solche Kontrollpunkte zu bemannen.
Während der Abfertigungen zeigten sich die ersten Macken der Mitreisenden: Besonders Amir tat sich hervor, indem er es geschafft hat, sich an jeder Schlange vorbeizumauscheln und als einer der ersten am Schalter, an der Kontrolle oder wieder am Bus zu sein. Aber Heinrich und Hannelore stehen ihm in nichts nach, und denken auch nur an ihre eigenen Vorteile und drängeln und schieben, wie es geht. Als wenn der Bus ohne sie weiterfahren würde…

Wir fahren nun weiter nach Tiahuanaco, einer der größten Ausgrabungsstätten Boliviens, die auf ca. 4.000 m liegt. Man schätzt, dass von den Stätten bisher erst 1 % ausgegraben wurden. Nach der Ankunft gibt es zunächst das Mittagessen: Gemüsesuppe mit Lamafleisch, und einen Kaffee. Die Suppe schmeckt lecker, auch wenn ich das Fleisch nicht so richtig identifizieren konnte,sondern nur komisch-zerkochte schwarze Bröckchen in der Suppe fand – wird aber schon das Fleisch gewesen sein. 😉 Anschließend beginnen wir unseren Rundgang durch Tiahuanaco, bei noch bestem Sonnenschein. Tiahuanaco war das Zentrum einer präkolumbischen Kultur in der Zeit von 1500 v Chr. Bis 1200 nach Chr. Ob Tiahuanaco eine Stadt, Kultstätte oder ein Wallfahrtsort gewesen ist, ist nicht bekannt. Aus den tonnenschweren Steinen, die aus einem 300 km entfernten Steinbruch herangeschafft wurden, wurden viele große Gebäude errichtet. Am bekanntesten ist das Sonnentor, ein aus einem Block errichtetes Tor von 7 bis 12 Tonnen Gewicht. Wahrscheinlich bei einem Erdbeben umgestürzt und in zwei Teile zerbrochen, wurde es Anfang des 20. Jahrhunderts wieder aufgerichtet. Als die Inkas Tiahuanaco erreichten, war diese Stätte bereits verlassen. In der spanischen Kolonialzeit wurde auch dieses Gelände von den Spaniern geplündert und als Steinbruch missbraucht.

Kurz bevor wir nach La Paz reinfahren, haben wir einen tollen Blick auf die Stadt und den 6402 m hohen „Hausberg“ von La Paz, den Illimani. Die Vororte von La Paz, und die Stadtteile der unmittelbar westlich von La Paz liegenden Stadt El Alto, durch die wir fahren, machen einen recht heruntergekommenen Eindruck. Viele Straßen sind nur mit Schotter belegt, aber nicht asphaltiert. Viele Gebäude sind nur halb-fertig, und auch sonst wirken diese Straßenzüge nicht sehr einladend.
Laut unserem Reiseführer besteht kein Interesse, diese Häuser von außen zu verkleiden, denn das kostet nur Geld, und man hält sich ja eh in der Wohnung auf, und sieht den Putz sowieso nicht…

Von den 38.000 km Straßen, die es in Bolivien gibt, sind nur 4.500 km asphaltiert.

La Paz Panorama

Panorama von El Alto und La Paz

In El Alto wurden bisher 67 Kirchen erbaut, die von Padre Obermeier, einem Priester aus Rosenheim, gebaut wurden. Er hat sich zum Ziel gesetzt, in El Alto für je 10.000 Katholiken eine Kirche zu errichten und sammelt nun Spenden, um dieses Ziel zu erreichen. Man erkennt diese Kirchen daran, dass sie völlig weiß gestrichen sind, und dass sie eine für die Andenregion eigentümliche Architektur haben, denn einige Kirchen haben Zwiebeltürme, andere haben russische Elemente in ihren Türmen.

La Paz erstreckt sich über 1000 Höhenmeter, von 4100 m bis 3100 m über dem Meeresspiegel und hat zusammen mit El Alto ca. 1,75 Millionen Einwohner. Anders, als in anderen Städten wohnen hier die besser situierten Menschen nicht an den Hängen und haben einen Blick über die Stadt, sondern sie wohnen eher in den niedrigeren Gegenden, in denen das Klima etwas angenehmer ist und die dünne Luft etwas erträglicher.

Überflüssiges im Gepäck: Handtücher. Stattdessen reicht ein Sporthandtuch. Lieber ältere Kleidung mitnehmen, die man während der Reise nach Gebrauch wegwerfen kann, anstatt völlig neue und gut-erhaltene Kleidung zu tragen.

Der Talkessel, in dem La Paz liegt, ist völlig zugebaut, so dass sich die Menschen immer weiter an die Hänge des Talkessels ausdehnten – meist völlig planlos und in Slums, was dann auch bei starken Unwettern zu Erdrutschen führte, in denen viele Menschen ihr Leben verloren haben.

Kurz vor dem Abendessen erreichen wir dann nach viel Stop-and-go unser Hotel, welches direkt an der Hauptstraße von La Paz liegt. Thomas und ich haben zum Glück ein Zimmer zum Hinterhof, so dass wir von dem heftigen Straßenlärm nicht viel mitbekommen.
Markus kann mit dem großen Gefährt nirgendwo in La Paz parken, sondern muss sich in dem dicken Verkehr nun wieder nach El Alto quälen, wo er einen Standplatz für das ROTEL hat, und fährt von da aus dann mit dem Taxi wieder zum Hotel. Alles in allem wird er dafür, wie er am nächsten Tag berichtet, ca. 2,5 Stunden unterwegs sein.

Nach dem Essen (es gibt Hühner-Nudelsuppe als Vorspeise, zum Hauptgericht dann Putenbrust mit Pommes, Maissalat und Erbsen und Möhren) gehen Thorsten und ich noch raus und spazieren durch das pulsierende Leben vor dem Hotel – Es gibt Diskotheken, Bars, Nachtclubs, Restaurants, die Straßen sind voll mit Jugendlichen in schicker Kleidung, mit MP3-Playern, Handys, usw… Überhaupt keine Spur von der Armut, die schon wenige Kilometer weiter in den Vororten oder auf dem Land herrscht. Dieser Gegensatz ist erschreckend und faszinierend zugleich, und hier zeigt sich, dass wenige Menschen in Bolivien gut situiert leben können, und viele eher arm sind, aber die Mittelschicht quasi kaum vorhanden ist.

Thorsten und ich stehen plötzlich vor einem Pulk Jugendlicher, die aus einer Musikschule herauskommen. Direkt neben dieser Gruppe stehen ein paar Jugendliche mit Gitarre, Geige, und Trompete und in ihrem besten Zwirn gekleidet.
Plötzlich kommt ein Mädchen aus der Schule, und die Combo beginnt, sehr nette Musik zu machen. Einer der Jugendlichen fängt dann an zu singen, geht auf das Mädchen zu und macht ihr so, wie es aussieht, denn wir verstehen von dem, was er singt nichts, eine Liebeserklärung.
Jedenfalls läuft sie rot an, und wird total verlegen und kichert, und er hat dann plötzlich noch einen kleinen Blumenstrauß in der Hand, den er ihr überreicht. OK – man merkt, dass er sich Mut antrinken musste — SEHR VIEL Mut sogar, aber ich glaube, ihr hat es trotzdem gefallen… 😉

Tag 9, 9. April 2010, Freitag: La Paz