Montag, 01.08.2005

An diesem Morgen bin ich schon recht früh wach. Durch die Helligkeit und die Geräusche, die ich auch mit den Ohropax-Stöpseln nicht ganz ausklammern kann, ist für mich schon um kurz nach 6 Uhr die Nacht vorbei. Eigentlich wollen wir erst um 7.20 Uhr aufstehen, so habe ich etwas über eine Stunde Gelegenheit, den Tieren und dem langsam aufwachenden Camp zuzuhören.

Um 8 Uhr gehen wir zum Frühstück, das heute aus Spiegelei und Brot mit Wurst und Käse besteht.

Nach dem Essen müssen wir uns dann umziehen. Wir werden eine Dschungelwanderung machen und müssen uns dafür wegen der Moskitos dort lange Kleidung und Mützen anziehen und uns eincremen. Außerdem bekommen wir alle Gummistiefel gestellt, die von der Wanderung einer anderen Gruppe gestern drinnen noch nass sind. Kein schönes Gefühl, darein zu steigen, aber wenigstens werden sie nach jedem Tragen mit Wasser ausgewaschen. Dann fahren wir mit den Schnellbooten wieder auf den Orinoco und bekommen Königsvögel, Flussdelphine und Brüllaffen zu sehen.

Die Dschungelwanderung kann beginnen.

Irgendwo im „Nichts“ ziehen wir uns unsere Regenjacken an und steigen aus. Trotz langer Kleidung und Mückenmittel stechen mich dennoch mindestens 3 Moskitos. Im Dschungel selbst zeigt Genio uns einen Termitenbau und eine Wasserwurzel, aus der, wenn man sie abschneidet und senkrecht hält, klares Trinkwasser läuft. Ich habe es probiert: es schmeckt etwas holzig, aber ist schon trinkbar.

Genio gewinnt Trinkwasser aus einer Wurzel.

Als wir wieder am Camp ankommen, können wir uns endlich wieder ausziehen… Bei den Temperaturen in langer Kleidung rumzurennen ist schon eine schweißtreibende Angelegenheit!

Dafür ist bei unserem nächsten Programmpunkt leichte Kleidung angesagt. Wir fahren mit einem Kanu – einem etwas größeren Einbaum – raus aufs Wasser und lassen uns ein wenig treiben. Und weil die Kanus sehr wackelig sind und dann und wann mal umkippen, sollen wir vorsichtshalber nur T-Shirt und Badehose anziehen. Frank bleibt dann lieber gleich im Camp und schaut sich unser Paddeln aus sicherer Warte vom Steg aus an.

Die erste Herausforderung ist schon das Einsteigen, aber die nächste ist das Hinsetzen: Die Boote lagen vorher natürlich die ganze Zeit in der Sonne und bestehen aus dunklem Kunststoff, und so sind die Sitzbänke kochend heiß. Und weil wir nur Badehosen anhaben, ist da auch nichts, was ein wenig vor der Hitze schützt, und so sitzen wir alle die ersten paar Minuten auf den Händen und rutschten hin und her, bis wir uns endlich hinsetzen können.

Die Fahrt selbst ist sehr schön. Wir treiben langsam durch einen Nebenarm und können uns die Pflanzen und Tiere dort ansehen, ohne dass das Motorengeräusch stört.

Nach 35 Minuten ist die Fahrt wieder zu Ende, ohne dass das Boot umkippte und wir ins Wasser fielen.

Dafür gehe ich jetzt ins Wasser des Orinoco und schwimme ein paar Runden. Das Wasser ist an der Oberfläche herrlich warm, fast schon heiß, aber in der Tiefe doch überraschend kalt.

Jedenfalls ist das Wasser sehr erfrischend und die kleine Runde macht wirklich viel Spaß. Derweil hat Frank es sich mit einem der Affen verscherzt. Erst spielten die beiden friedlich miteinander, aber dann auf einmal machte der Affe Jagd auf Frank – keiner wusste hinterher warum eigentlich.

Nach der Kanufahrt gibt es Mittagessen: Gulasch mit Reis und – eine Premiere! – Krautsalat!

Nach der Mittagspause konnten wir uns in unsere Hütten zurückziehen und richtig schön entspannen. Frank legt sich ein wenig auf das Bett, ich setze mich mit meinem Buch auf die Terrasse vor der Hütte und lese ein wenig, während im Vordergrund der Fluss an mir vorbeitreibt.

Wir beide sind heute nicht so ganz auf der Höhe, aber wir haben gestern wirklich zu tief ins Glas geschaut und waren erst um 23:30 Uhr im Bett, und nach nur 6 Stunden Schlaf war ich schon wieder wach – da kann man auch nicht hundertprozentig fit sein!

Am Nachmittag starten wir wieder eine Tour mit dem Boot. Wir fahren dieses mal eine andere Strecke als sonst und haben Angeln dabei, denn jetzt werden wir Piranhas fischen. Diese Weidenzweige mit der Angelsehne und dem Haken dran Angel zu nennen ist zwar sehr optimistisch, aber sie tun tatsächlich ihren Dienst. Als wir an dem Fischgrund ankommen, bekommen wir alle eine Angel in die Hand gedrückt und stecken auf den Haken kleine Gulaschstücke aus der Küche.

Ein echter Piranha! Wenige Stunden später wird er auf dem Teller liegen.

Erst dauert es ein paar Minuten, aber dann zuckt es tatsächlich hier und da. Unser indianischer Guide angelt zwei oder drei kleine Piranhas, und Eva schießt quasi den Vogel ab: Sie angelt eine Makrele und einen Piranha, der so groß wie eine Hand ist.

Frank und ich haben Pech. Es hat zwar manchmal etwas an meinem Haken gezogen, aber einen Fisch haben wir beide nicht gefangen.

Die kleinen Fische und die Makrele werden wieder ins Wasser gesetzt, aber der große Fisch von Eva kommt in die Kühlbox und wird heute abend von der Köchin gebraten und serviert.

Nachdem wir also unser Abendessen geangelt haben, packen wir die Angelruten wieder ein und das Boot bringt uns zu einer Familie der Warao-Indianer. Genio erklärt uns, bevor wir anlanden, dass wir uns dort frei bewegen können, alles fotografieren dürfen und auch durch die Hütten usw. gehen können. Ich komme mir aber, als wir ankommen, ein wenig komisch vor.

Die Familie selbst ist quasi eine Großfamilie, es sind bestimmt 20 Kinder und 10 Erwachsene, die uns erwarten.

Besuch bei der Indianerfamilie.

Als wir ankommen, stellen sich die Kinder erst in eine Reihe, um nacheinander Süßigkeiten von uns zu bekommen, aber als Frank eine Hand voll Gummibärchen auspackt, ist es mit der Disziplin vorbei. Die Kinder umringen ihn und reißen ihm die Gummibärchen förmlich aus den Händen. Wie Frank da so steht und die Kinder um ihn rumspringen, sieht er ein wenig wie Karl-Heinz Böhm auf Orinoco-Fahrt aus.

Die Familie lebt in einer Holzhütte, die nur ein Palmendach, aber keine Wände hat. Es gibt einen Elektroherd, außerdem hat die Familie ein Motorboot und ein paar Hühner, die dort durch die Gegend picken.

In der Hütte war ein Tisch aufgebaut, an dem die Familie ihre aus Palmenblättern usw. selbstgebastelten Schüsseln, Töpfe verkauft, die wirklich sehr schön sind. Ich habe eine Schüssel für 10.000 Bolivares, also 4 € gekauft.

So schnell, wie wir bei der Familie eingefallen waren, verschwinden wir nun auch wieder, und nach 45 Minuten sind wir wieder weg, haben ein paar Souvenirs gekauft und den Kindern Süßigkeiten gegeben.

Nach einer kurzen Pause im Camp machen wir abends noch eine einstündige Nachtfahrt.

Von 19 bis 20 Uhr führen unsere Guides uns durch ein paar Seitenarme des Orinoco auf der Suche nach Kaimanen und Schlangen. Wir haben aber keine gesehen – bei dem Lärm, den das Boot macht, und weil wir darüberhinaus auch noch mit Scheinwerfern und Taschenlampen das Gebüsch vor und neben uns ableuchten, sind wir für die Tiere schon aus einiger Entfernung zu bemerken, so dass sich alle Tiere, die halbwegs mobil sind, rechtzeitig in Deckung bringen.

Dafür allerdings gibt es für uns den schönsten und klarsten Sternenhimmel, den wir je gesehen haben. Sooo viele Sterne….es gibt eben keine nahe Zivilisation, die durch viel Licht die Sicht ‚trüben’ könnte.

Um 20 Uhr gibt es Abendessen: Fischfilet (das sogar Frank isst, weil es wie Huhn schmeckt.), Kartoffeln und Salat, also mal wieder Tomaten, Gurken und Zwiebeln.

Dienstag, 02.08.2005

Heute müssen wir leider wieder aufbrechen. Frank und ich wären hier gerne noch einen Tag lang geblieben, um noch ein wenig auszuspannen und zu erholen, denn hier mit der Natur, den Tieren, dem Wasser und der ganzen Umgebung ist es hier fast paradiesisch.

Aber um 8 Uhr gibt es Frühstück mit Rührei, Schinken und Käse, und um kurz vor 9 Uhr legt unser Boot wieder ab. Geweckt wurden wir natürlich wieder von den Brüllaffen, die zuverlässig um kurz nach 6, also kurz nach Sonnenaufgang mit ihrem Brüllen anfingen.

Als wir unsere Sachen packen, stellen wir fest, dass wir ungebetene Gäste in der Hütte gehabt haben mussten, denn unsere Butterkekspackung war aufgerissen, und ein paar Butterkekse fehlten. Einige Überreste finden wir in einer Zimmerecke wieder, wahrscheinlich war die Maus oder Ratte oder welches Tier auch immer uns besuchte, satt…

Auch hier im Camp waren die Getränkepreise wieder sehr moderat: wir bezahlten für 10 Cuba Libre und 4 Bier 40.000 Bolivares, also 16 €.

Nach eineinhalb Stunden Rückfahrt auf dem Schnellboot, dieses Mal zum Glück ohne Regen, empfängt Nigel, unser Fahrer uns wieder und wir setzen unsere Fahrt gegen kurz nach 10 Uhr wieder mit dem Bus fort.

Nach den einfachen Verhältnissen im Orinoco-Delta nun Überfluss pur im Einkaufzentrum.

Unser nächstes Ziel ist Manturin, eine Stadt westlich von Boca de Uracoa. Hier besuchen wir ein Shopping-Center nach amerikanischer Machart. Nur wenige Stunden nach den Eindrücken des Orinoco-Deltas mit den Pfahlhütten und der einfachen Lebensweise der Indianer ist dieses Einkaufscenter für uns ein Kulturschock. Wir essen hier Mittag (Pizza und KFC – mal was anderes) und haben noch Gelegenheit zum Bummeln, bevor unsere Fahrt uns weiter nach Caripe führt.

Kurz vor Caripe kommen halten wir an einem Stausee, in dem das Dorf San Francisco untergegangen ist, als der Staudamm gebaut wurde.

Der Stausee von San Francisco. Im Vordergrund: Frank und Dirk…

Caripe ist eine kleine Stadt im Gebirge. Bevor wir zu unserem Hotel fahren, können wir auch hier kurz die Stadt besichtigen. Die Läden sind ganz interessant, wir halten Ausschau nach Turnschuhen und Hosen, aber wegen der Sprachschwierigkeiten fallen wir dann doch nicht in einen Shopping-Rausch.

Also kehren wir Caripe den Rücken und quartieren uns in unserem Hotel, dem „Pueblo Pequeno“ ein. Von hier haben wir einen sehr schönen Blick auf Caripe. Unser Zimmer hier ist schon fast wieder luxuriös, denn wir haben einen Fernseher, und sogar zwei Wasserhähne am Waschbecken und in der Dusche! Das lässt auf warmes Wasser hoffen, aber diese Hoffnung ist vergebens… Aus der Dusche kommt nur kaltes Wasser, und die Zuleitungen der zwei Wasserhähne am Waschbecken verzweigen sich erst kurz vor dem Waschbecken, so dass aus beiden Hähnen das gleiche Wasser fließt.

Um 19:30 Uhr wird unser Abendessen serviert. Heute bekommen wir ein Drei-Gänge-Menü: Zunächst eine Suppe, dann Rindfleisch mit Reis und Salat und zum Schluss Karamellpudding.

Den letzten gemeinsamen Abend lassen wir hier ganz gemütlich ausklingen und wir haben hier noch sehr viel Spaß.

Dass Dieter sich mal wieder abkapselt, und mit Genio, bzw. nachdem der ins Bett gegangen ist, alleine am Tresen sitzt, wundert keinen von uns mehr.

03. bis 09. August 2005: Fettschwalme, Strand und Palmen