Samstag, 30.07.2005

Nachdem wir am nächsten Morgen um 6:00 Uhr vom Hahn geweckt werden, haben wir selbst unsere ganz eigene Herausforderung, denn anscheinend ist der Wasserdruck vom Wassertank nicht stark genug, um alle Zimmer mit Wasser zu versorgen – jedenfalls kommt aus unserem Wasserhahn nur ein leises Plätschern und aus der Dusche – nix. Auch für den Spülkasten ist leider nicht mehr genug Wasser da. Naja, Duschen mit kaltem Wasser ist eh nicht sooo aufregend, dann fällt das Duschen eben aus. Es gibt zwar einen Durchlauferhitzer am Duschkopf, aber die Konstruktion sieht nicht sehr vertrauenserweckend aus, und so sind wir auch froh, dass in der Dusche kein Strom fließt.

Der Piedra de la Virgen – im Vordergrund ist Frank zu erkennen. Dass dieser Stein bei einer Sprengung unversehrt blieb, ist kein Wunder.

Nach dem Frühstück (Arepa (kleine sehr fette Teiglinge aus Maismehl), Spiegelei, Weißbrot, Marmelade, Kochschinken, Käse) fahren wir um 8:45 Uhr weiter Richtung Norden. Die Vegetation wird langsam grüner, und die Straße führt zwischen dem einen oder anderen Hügel hindurch.

Beim Straßenbau stand ein riesiger Fels im Weg, der gesprengt werden sollte. Als die Sprengung erfolgte und der Staub sich lichtete, sah man, dass der Fels immer noch so unberührt wie vorher dastand und nichts passiert ist. Er war quasi unberührt wie die Jungfrau Maria – und deshalb ließ man diesen Fels stehen, widmete ihn der Jungfrau und baute neben dem Fels eine kleine Kapelle, in der eine der Jungfrau von Lourdes nachempfundene Maria steht. Seit dem heißt der Felsen Piedra de la Virgen. Die Straße führt nun in einem großen Bogen um den Fels herum.

Anschließend kommen wir an zwei Orte, die uns als echte Highlights auf der Reise angekündigt wurden, San Isidro am Kilometer 88 der Straße und der legendäre (?) Kilometer 0, also der Punkt, an dem der Straßenbau begonnen hat.

San Isidro stellt sich als (sehr) kleines heruntergekommenes Dorf heraus. Wir machen hier eine Tankpause und haben die Gelegenheit, die Straße auf und ab zu spazieren. Und plötzlich steht neben uns ein roter Pritschenwagen, den wir vorher schon im Wald gesehen haben. Dort haben zwei Jungs mit einer Pumpe Wasser in einen auf der Pritsche stehenden Tank gepumpt. Hier im Dorf pumpen sie das Wasser jetzt mit einem altersschwachen und geflickten Schlauch in die Wassertanks der Häuser. Die Pumpe, nicht minder altersschwach, wird mit einem alten Seil angerissen… Das braucht zwar ein paar Versuche, aber irgendwie klappt es noch schon.

Der legendäre Kilometer 0 aber ist im Grunde nur eine alte windschiefe Taverne und irgendwo ein altes Schild, auf dem „Kilometre 0“ steht. Unsere Begeisterung hält sich denn auch in Grenzen…

Mitten in den Wäldern, durch die wir jetzt fahren, überqueren wir einen Fluss, und neben der recht neuen Brücke, über die wir mit unserem Bus fahren, steht eine alte schöne Hängebrücke, die aber nicht mehr benutzt wird. Die Pläne für diese Brücke entwarf ein nicht unbekannter Architekt des 19. und 20. Jahrhunderts, Gustave Eiffel, erbauer des gleichnamigenTurms in Paris. Und die Brücke, die hier steht, ist ebenso filigran und schön wie der Eiffelturm.

Zum Mittagessen kehren wir in Tumaremo ein. Hier gibt es das Nationalgericht Venezuelas: Gezupftes gekochtes Rindfleisch mit schwarzen Bohnen, Reis und Kochbananen. Das Essen ist lecker, aber von außen sieht das Restaurant schon etwas gewöhnungsbedürftig aus. Es liegt klein und gedrungen an einer stark befahrenen Straßenkreuzung, und durch die offenen Türen und Fenster lärmt (und stinkt) der Straßenverkehr. Die gesamte Familie muss mithelfen, um uns die Getränke und das Essen zu bringen. Eine Flasche Bier oder Cola kostet hier 1500 Bolivares, also ca. 0,60€, und das Essen selbst 5000 Bolivars, also 2 €.

Simone, die eh schon seit einigen Tagen einen angeschlagenen Magen hat, kann hier allerdings nichts essen – sie meint, dass das Essen ein wenig komisch aussieht. Aber uns schmeckt es!

Am Nachmittag steht eine längere Busfahrt auf dem Programm, bis wir am Abend nach El Callao, einem kleinen Goldgräberstädtchen, kommen. Hier fällt uns wieder auf, dass Genio erst uns und Eva und Philipp zwei Zimmer vorgibt und dann die restlichen Doppelzimmer unter der Gruppe verteilt. Warum er das macht, klärt sich erst später: Alle anderen haben Doppelzimmer mit einem großen Bett, wir vier bekommen aber Zwei-Bett-Zimmer mit einem großen Doppelbett und einem kleinen Einzelbett daneben, damit wir, wenn gewollt, getrennt schlafen können – Ein wenig Anstand muss sein!

Kaum haben wir unser Zimmer bezogen, fängt es auch an, wolkenbruchartig zu regnen. Wir nutzen die Zeit, um ein wenig zu entspannen. Nach einer dreiviertel Stunde hört der Regen auch schon auf und wir können die El Callao erkunden.

Man sieht, dass es in dieser Stadt ein wenig Wohlstand gab, aber auch die Goldförderung hat schon bessere Zeiten gesehen, und so sind viele Juweliere und andere Geschäfte geschlossen. Wir haben vor dem Abendessen noch zwei Stunden Zeit, um die Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Die Kirche von El Callao ist von außen ziemlich beeindruckend, aber innen dafür um so einfacher eingerichtet. Als Deckenbeleuchtung werden umgedrehte Straßenlaternen benutzt, und in einer dieser Laternen brütet ein Taubenpärchen. Auch Tauben sind eben Gottes Geschöpfe…

Die Kirche von El Callao spiegelt noch den Reichtum der Goldgräberzeiten wider.

Auf dem Markt der Stadt schlagen uns die abenteuerlichsten Gerüche entgegen, und das Obst, was hier teilweise verkauft wird, würde bei uns im Kompost landen…

Als Abendessen gibt es im Hotel ein Buffet mit Nudeln, Tomaten- und Bolognese-Sauce, Gulasch und den landestypischen gekochten Kartoffeln in Knoblauchöl. Zusammen mit 8 Bier und 2 Cuba Libre zahlen wir dafür 58000 Bolivares.

Dieter hat das Abendessen ausfallen lassen – war wohl doch zu viel Gruppendynamik.

Sonntag, 31.07.2005

Heute ist wieder frühes Aufstehen angesagt: Um 6:40 Uhr klingelt der Wecker. Erstmal wird (kalt) geduscht, und dann das Gepäck verladen. Zum Rührei, Toast, Kaffee, Tee und Mango-Saft. Abfahrt ist dann um 8:30 Uhr.

Auf dem Weg nach Ciudad Guayana legen wir in Upaca einen kleinen Zwischenstopp zum Tanken ein. Als wir an der Tankstelle stehen, kommt plötzlich ein Obdachloser an und fängt an, sich mit uns zu unterhalten. Wir verstehen zwar kein Wort, und versuchen auch, ihm das zu erklären, aber er lässt sich nicht von uns abbringen und holt sogar ein paar Minuten später eine Schnapsflasche. Wir lehnen das Angebot, mit ihm zusammen anzustoßen, aber dankend ab…

Ciudad Guayana liegt am Orinoco und hat ca. 690.000 Einwohner. In der Stadt gibt es einen sehr schönen Stadtpark, den „Parque Cuchamay“ mit ein paar sehr schönen Stromschnellen, auf die wir vom Stadtpark-Restaurant aus schauen. Zu Essen gibt es Hamburger mit Pommes und einer Dose Sprite für 8500 Bolivares, also ca. 3,40 €.

Nach dem Mittagessen geht es auf die Fähre, denn es gibt nur eine einzige Brücke über den Orinoco in Ciudad Bolivar. Das ist aber ein gute Stück weiter flussaufwärts. Also bleibt nur die Fähre.

In Deutschland wäre sie wohl als Museumsstück geeignet gewesen, hier tut sie noch gut und zuverlässig (?) ihre Dienste. Auf der Fähre stehen die Autos Stoßstange an Stoßstange, auf dem Boden liegt ein unidentifizierbarer Schleim. Es riecht nach gammeligem Fisch und Autoabgasen, da auch während der Überfahrt die Motoren nicht abgestellt werden. An der Reling stehen mehrere mobile Küchen, bei denen man allerlei Essen kaufen kann. Zwischen den Autos laufen fliegende Händler und bettelnde Kinder auf und ab.

Am anderen Ufer gibt es zwei Anlegestellen, an denen die Fähren abwechselnd an- und ablegen. Zwischen diesen beiden Anlegern hat eine Familie gerade ihren Bade- und Waschtag.

Auf der nördlichen Seite des Orinoco hat sich die Landschaft total verändert. Wir fahren durch weite Ebenen, die mich an das flache berg- und hügelfreie Land in Schleswig-Holstein erinnert und sehen hier und da eine Öl-Pipeline. Nachmittags sind wir endlich am Boca de Uracoa und verabschieden uns von Nigel, unserem Busfahrer, denn die nächsten zwei Tage werden wir uns nur noch zu Fuß oder per Boot fortbewegen.

Am Ufer des Orinoco-Nebenarms liegen schon zwei Schnellboote, mit denen wir jetzt zu unserem Dschungelcamp „Mis Palafitos“ fahren. Auf eines der Schnellboote kommt unser Gepäck und zwei Leute aus unserer Reisegruppe. Die restliche Gruppe steigt in das zweite Boot ein, und dann geht es mit ca. 60 km/h etwa 75 Minuten den Flussarm entlang.

Am Ufer sehen wir schon die ersten Siedlungen der Warao-Indianer. Zu Anfang sind die Häuser noch aus Beton und Stein, aber je weiter wir in das Delta kommen, desto einfacher werden die Hütten, bis wir die typischen Holz-Pfahlbauten sehen.

Sie bestehen nur aus einem Holzfußboden und einem Dach aus Palmenblättern, haben aber keine Wände oder Türen. Geschlafen wird hier in Hängematten.

Die letzten Tage waren wir von Regen verschont worden, aber während der Bootsfahrt fängt es plötzlich an zu regnen. Und bei 60 km/h können Regentropfen ganz schön pieken! Also wird eben schnell angehalten. Unter den Sitzen liegen Plastikplanen, die jetzt rausgeholt werden und mit denen sich jeweils zwei Sitzreihen notdürftig vor dem Regen schützen können. Als wir die Planen dann im Griff haben, geht es mit unverminderter Geschwindigkeit weiter. Obwohl wir trotz Plane etwas nass werden, macht es einen riesen Spaß, unter der Plane zu sitzen und dabei über das Wasser zu düsen.

Nach etwas über einer Stunde erreichen wir das Camp Mis Palafitos. Mitten im Delta sind hier ca. 40 Hütten für die Gäste, sowie ein Aufenthaltsraum und Restaurant errichtet worden. Das ganze Leben hier spielt sich auf Holzplanken und Stegen ab, auf denen wir von Hütte zu Hütte kommen, denn das gesamte Ufer ist Sumpfgebiet. Allerdings gibt es hier auch ein Miteinander von Mensch und Tier. Bei uns zuhause wohnen Wellensittiche, Katzen und Hunde; hier im Camp leben Affen, Aras, Tucane und andere exotische Tiere – allerdings ohne Käfig.

Wir bekommen sogar eine Hütte direkt am Fluss. In der Hütte stehen zwei Queen-Size Betten, außerdem gibt es eine Dusche, Toilette und ein Waschbecken. Die Wände der Hüte bestehen vom Fußboden bis in Hüfthöhe aus Holzbrettern, und weiter bis zur Decke aus Fliegengitter. Wir sind also auch in der Hütte noch in freier Natur und hören um uns herum das Zwitschern der Vögel, das Rascheln der Insekten und besonders am frühen Morgen das Brüllen der Brüllaffen, was noch über Kilometer hinweg zu hören ist. Das Wasser ist allerdings braunes Flusswasser – natürlich auch nur flusswasserwarm. Aber das Duschen tut trotzdem gut, denn hier herrschen um die 30 Grad C mit sehr hoher Luftfeuchtigkeit, so dass wir eigentlich den ganzen Tag auch beim Nichtstun vor uns hin schwitzen. Auch die Kleidung ist nach diesen zwei Tagen klamm und muffig, weil sie nicht richtig trocknen kann.

Nach einer kleinen Pause in der Hütte fahren wir wieder mit dem Schnellboot hinaus auf den Orinoco-Seitenarm. Dort stellen wir den Motor ab und treiben ein wenig auf dem Wasser. Und kaum haben wir den Motor ausgestellt, kommen gleich Indianerfamilien mit Einbäumen ans Boot gefahren und wollen uns Souvenirs verkaufen: Kleine Schüsseln aus Palmenblättern, Körbe, Ketten usw.

Wir geben den Kindern ein paar unserer Süßigkeiten, die wir mitgenommen haben. Gekauft wird hier aber noch nichts. Als die Indianer merken, dass wir nichts kaufen wollen und unsere Süßigkeiten schon verteilt sind, fahren sie auch wieder nach Hause oder zum nächsten Boot.

Genio lässt nun Cuba Libre verteilen und wir genießen auf dem Wasser einen traumhaften Sonnenuntergang, der in den aufregendsten Farben leuchtet.

Ein traumhafter Sonnenuntergang über dem Orinoco.

Nachdem die Sonne untergegangen ist, bringt uns das Schnellboot wieder ins Camp zurück. Über uns fliegen die tausende Grünpapageien zu ihren Nistplätzen und machen dabei einen Heidenlärm. Die Papageien bilden Pärchen und bleiben ein Leben lang zusammen, und das sehen wir auch, wenn sie fliegen: Es fliegen immer zwei Papageien im Paar, nie einer alleine.

Im Camp können wir uns gleich in das Restaurant setzen und Abendessen. Es gibt mal wieder Hühnchen mit Kartoffeln und Salat, also Tomaten, Gurken und Zwiebeln.

Der Abend wird noch sehr lustig. Wir sitzen an einem langen Tisch und haben echt viel Spaß hier. Und der Cuba Libre schmeckt hier auch fast zu gut, jedenfalls kehren wir zu später Stunde noch bei Holger und Angela ein und trinken dort zusammen mit Heinz und Birgit noch einen Cuba Libre als Absacker. So ganz leise sind wir wohl nicht, und da es ja nur Fliegengitter als „Wände“ gibt, ist in der Nachbarhütte wohl auch jedes Wort zu verstehen, jedenfalls regen sich die Bewohner dieser Hütte ziemlich über uns auf. Als die am nächsten Morgen aufstehen, versuchen sie sogar, die Hütte von Holger und Angela abzuschließen, denn die Vorhängeschlösser hängen außen an den Türen der Hütten.

01. und 02. August 2005: Dschungel-Camp, Piranhas und Einkaufzentren